Portrait 600

Mag. Peter Rohregger

Jahrgang 1950, ist ein freischaffender Tiroler Historiker. Ursprünglich kaufmännisch tätig, studierte er im zweiten Bildungsweg Geschichte und Politikwissenschaft. Das Studium an der Universität Innsbruck schloss Peter Rohregger mit dem Magister der Philosophie ab. Sein spezielles historisches Augenmerk gilt den veränderlichen Mentalitäten von Gesellschaften und Völkern und dem daraus entstehenden jeweiligen „Zeitgeist“, der den Ablauf der Geschichte immer wieder aufs Neue prägt. Auch die Religion mit ihren vernunftwidrigen Denkvorgaben und friedens- und freiheitsfeindlichen Machtelementen war und ist mit diesem „Zeitgeist“ in nicht unerheblicher Wechselwirkung verbunden. Für Peter Rohregger wurde das vielfältige Thema des Glaubens daher auch zum interessanten Gegenstand seiner geschichtlichen Arbeit.

Acht Fragen an Peter Rohregger

1. Glauben Sie an irgendeine übersinnliche Kraft?

Meine Bewunderung gilt einzig und allein der erstaunlichen und scheinbar „ewigen“ Gestaltungskraft der Natur. Im Kindergarten, der von Nonnen geführt wurde, glaubte ich natürlich an den gütigen Gottvater mit dem Rauschebart und an das Jesukindlein. In der Schule, in einem kleinen Tiroler Dorf, war ich ebenso wie alle anderen in den traditionellen Religionskreislauf fest eingebunden. Es ging hier – auch bei den Erwachsenen – weniger um eigenes spirituelles Bemühen als vielmehr um die gemeinschaftliche gedankenleere Ritualausübung. Hauptsache, die Kirche war voll und alle waren dabei. Damals gefiel mir das ja gar nicht mal so schlecht, ich war ja auch Ministrant. In unserem Dorf hatten jedenfalls alle großen Respekt vor dem Herrn Pfarrer. Während der Religionsstunde in der Schule wusste er unsere Aufmerksamkeit zu fesseln, wenn er wieder einmal mit Begeisterung von seiner Zeit als Panzersoldat während des Zweiten Weltkrieges erzählte. Als nach der regulären Schulzeit das selbständige Denken in meinem Kopf an Fahrt gewann, war es bald auch mit jeglicher Nähe zur Religion vorbei.

2. Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch zu schreiben? Was war die Motivation?

Als islamistische Terroristen die von ihnen gekaperten Flugzeuge in die Türme des World Trade Center in New York steuerten, wurde ich – wie die anderen entsetzten Menschen auch – daran erinnert, welches Zerstörungspotential religiöse Ideen besitzen. Nur wenige Wochen vorher konnte ich von der Aussichtsplattform des Südturms aus die Weitsicht auf das pulsierende New York genießen. Bis zum 11. September 2001 war es in der westlichen Hemisphäre kaum denkbar, dass man am Beginn des 21. Jahrhunderts zum Opfer religiöser Ideen werden könnte. Der opferreiche „Weckruf“ an diesem meteorologisch überaus schönen Spätsommertag lenkte mein Interesse nun rasch und umfänglich zu jenen Gottesvorstellungen, die offenbar ein hohes Konfliktpotential beinhalten. Die Beobachtung, dass sich mittelalterliche Denkschablonen innerhalb moderner Gesellschaften schon umfänglich eingenistet haben, spornte mich an, den Religionsideen mit ihren bizarren Extremen in der Geschichte und Gegenwart näher nachzuspüren. Als zu Jahresbeginn 2006 die weltweite Hysterie wegen der am 30. September 2005 in der dänischen Zeitung Jyllands-Posten veröffentlichten Mohammed-Karikaturen ausbrach, wurde sehr vehement der Respekt gegenüber religiösen Gefühlen eingefordert. Angesichts der vielen hassverzerrten Gesichter der durch die Karikaturen „Beleidigten“ beschäftigte ich mich noch eindringlicher mit der Frage, ob die Religionen den massiv eingeforderten Respekt wirklich verdienen. Mit „Dumme Herde, böse Hirten“ habe ich versucht, der Antwort zu dieser Frage näher zu kommen.

3. Sind fromme Menschen friedfertiger als die anderen?

Diese Frage beantwortet sich mit dem Blick auf die täglichen Nachrichten. Der nahe und mittlere Osten ist voll von frommen Menschen, und wir sehen und hören ja über die Medien, welche Woge der Gewalt dort über die Völker schwappt. Friedfertigkeit war früher auch im Christentum kein hohes Ideal. Denken wir nur an den 30-jährigen Krieg in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, während dem sich die Protestanten und Katholiken mit unermüdlichem Eifer gegenseitig die Köpfe einschlugen. Oder erinnern wir uns an die Massaker während der Hugenottenkriege in Frankreich. Die Liste des Wütens für die religiöse (und zugleich auch machtpolitische) Sache ließe sich beliebig fortsetzen. Entschärft wurde das Gewaltpotential und der Machtanspruch der christlichen Kirchen erst ab dem Zeitalter der Aufklärung, als sich zunehmend mehr Menschen durch zivile Bildung und eigenständiges, fortschrittliches Denken aus der geistigen Vormundschaft der Religion befreiten. Dieser Emanzipationsprozess zog sich über mehr als ein Jahrhundert hin, und es gab Gegenden in Europa, wo sich der Klerus Seite an Seite mit der bigotten Glaubensherde mit aller Vehemenz gegen das Eindringen des freien Denkens und der modernen Zeit wehrte. Im Bauernland Tirol wurde noch im 19. Jahrhundert neben der katholischen Religion keine andere Glaubensrichtung geduldet. Mehrere hundert Zillertaler, die sich für die lutherische Lehre interessierten, mussten ihre Heimat im Jahr 1837 zwangsweise verlassen, damit die religiöse Einheit und Reinheit Tirols „unbefleckt“ blieb. Die vertriebenen Religions-Dissidenten wurden vom preußischen König nach Schlesien eingeladen. Noch eine Anmerkung zum vorhin erwähnten Dorfpfarrer: In den frühen sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts kamen schon zahlreiche Urlaubsgäste aus Deutschland in unser Dorf. „Hochwürden“ befürchtete die religiöse Beschmutzung seines kleinen Reiches und forderte uns Kinder in der Religionsstunde auf, unsere Eltern zu ermahnen, dass sie keinesfalls Fremdenzimmer an Urlauber protestantischen (lutherischen) Glaubens vermieten sollten. Wenn es ums Geld ging, waren die Tiroler allerdings dann doch nicht so folgsam.

4. Es wird von islamischer, jüdischer und auch christlicher Seite gerne behauptet, dass ein Mensch ohne Religion sich nicht so sehr vom zivilisationsfernen Wesen eines Tieres unterscheidet. Was entgegnen Sie diesem Argument?

Das „zivilisationsferne“ Tier tötet in der Regel, um seinen Hunger zu stillen oder um sich aus einer Gefahr zu befreien. Der Mensch überlässt erstere Aufgabe dem Metzger oder der Fleischfabrik und für die zweite Sache hält er sich in der Regel Soldaten. Das Grundprinzip unterscheidet ihn hier nicht vom Tier. Eine markante Unterscheidung besteht allerdings darin, dass der durch die Religion „veredelte“ Mensch meist ohne existenzielle Notwendigkeit Kriege vom Zaun bricht und seine Mitmenschen tötet. Das „Schächten“, also jene Schlachtungsart, bei der man dem unbetäubten Tier die Kehle durchschneidet und es ausbluten lässt, nur weil eine religiöse Fantasie diese Tollheit fordert, ist auch nicht dazu angetan, bei Menschen mit „Religionshintergrund“ mehr Zivilisationsnähe zu vermuten als bei ihren religionsfernen Artgenossen.

5. Was halten Sie von den Erniedrigungs- und Unterwerfungsgesten vieler europäischer Politiker und Meinungsbildner gegenüber dem Islam?

Deren rückgratloses und unwürdige Verhalten, das schon seit vielen Jahren vor allem auch in Deutschland zu beobachten ist, entsetzt und ärgert mich immer wieder aufs Neue. Es besteht nicht die geringste Notwendigkeit, sich dieser expansiven und unduldsamen Wüstenreligion, die mit jenem Teil der abendländischen Werte, der hauptsächlich außerhalb der Religionen errungen wurde, keinesfalls kompatibel ist, anzubiedern. Mit Schaudern erinnere ich mich an nicht wenige Politiker und Zeitungs- und Fernsehkommentatoren, die sich im Zuge der „Karikaturen-Affäre“ buckelnd bei den beleidigten muslimischen Massen für die westliche Meinungsfreiheit entschuldigten, während zornige junge Männer mit dem sakrosankten Koran in der Hand – den viele, da Analphabeten, nie gelesen haben – europäische Einrichtungen und Botschaften attackierten und zum Teil auch in Brand setzten. Für die Zukunft würde ich mir wünschen, dass sich unsere Politik- und Medienverantwortlichen stärker daran erinnern, dass es in Europa ein langwieriger, mühsamer und schmerzhafter Prozess war (und immer im Widerstand und Gegensatz zur Kirche), bis sich zwischen Mittelmeer und Nordsee eine elementare Meinungs- und Geistesfreiheit sowie die Trennung von Staat und Religion stabil etablieren konnte. Diese Errungenschaften, deren Erlangung viele Opfer forderten, dürfen unter keinen Umständen und schon gar nicht aus billigen Opportunitätsgründen (oder Feigheit) den Forderungen und Dogmen einer autoritär strukturierten Religion geopfert werden.

6. Hat sich Ihre persönliche Einstellung zur Religion durch die intensiven Recherchen für „Dumme Herde, böse Hirten“ verändert?

Die Religion befand sich bis dahin eher nur am Rand meiner Wahrnehmung. Durch die für mein Buch nun umfassende Beschäftigung mit dieser Thematik wurde meine latent vorhandene Skepsis gegenüber jeglicher Form der religiösen Ideen nur weiter bestärkt. Der tiefe Blick in die Geschichte, mit allen dort auffindbaren religiösen und somit gesellschaftspolitischen Eskapaden und Skurillitäten, zeigt mir, dass der Mensch, die selbsternannte „Krone der Schöpfung“, auf seiner Reise durch die Epochen schon sehr wunderliche Wege ging und nach wie vor geht. Gerne würde man ja nur ungläubig den Kopf schütteln und vielleicht ein bisschen schmunzeln, darüber, welche Verrücktheiten im Namen der Religion möglich waren und immer noch sind. Eine solch lockere Betrachtungsweise wird allerdings etwas erschwert durch das Wissen, dass das finstere Zwillingspaar „Naivität“ und „Bestialität“ die Religionsideologien weiterhin treu begleitet.

7. „Kampf der Kulturen“, entspricht dieser umstrittene Begriff der aktuellen Realität?

Samuel P. Huntington nannte sein 1996 erschienenes und sofort umstrittenes Buch „The Clash of Civilizations“. Dieser Originalbegriff trifft die Sache etwas genauer als der deutsche Titel des Buches, das hierzulande bei nicht wenigen als Teufelswerk gilt. Der damalige deutsche Bundespräsident Roman Herzog beurteilte (besser: verurteilte) Huntingtons Werk gar als „bösartig“. Um seinen Traum von einer „harmonisch vereinten Weltkultur“ auf Papier zu bannen, veröffentlichte Roman Herzog etwas später ein eigenes Buch mit dem Titel „Wider den Kampf der Kulturen“. Mit seinen Ansichten reihte sich der Bundespräsident in jene selbstgefällige, volksferne und besserwisserische Personenkaste ein, welche die öffentliche Meinungsbildung beherrscht und immer dann reflexartig „Weiß!“ ruft, wenn das „normale“ Volk die Farbe „Schwarz“ erkannt hat. Das Märchen von „Des Kaisers neue Kleider“ lässt immer wieder grüßen. Als Historiker, der sich seit seiner Jugendzeit leidenschaftlich mit Geschichte beschäftigt, konnte und kann ich Huntingtons Thesen nur vollinhaltlich zustimmen. Der „Clash of Civilizations“ (oder „Kampf der Kulturen“), der ja nicht ganz so neu ist, aber im 20. Jahrhundert vor allem von der ideologischen Blockbildung überlagert war, ist auf jeden Fall ein realer und besorgniserregender Teil des aktuellen Weltgeschehens – wie von Professor Huntington vor zwei Jahrzehnten exakt prognostiziert. Der „Kampf der Kulturen“ wird sich mittelfristig noch massiv mit konfliktgeladener Energie anreichern.

8. Hat die scharfe Religionskritik in Ihrem Buch, in dem auch sarkastische Formulierungen und unterhaltsame Elemente nicht fehlen, viele Kritiker und Gegner dieses Werkes mobilisiert?

Zu meinem Erstaunen habe ich bisher sehr wenig negative Resonanz erhalten. Ein paar kritische E-Mails, aber keineswegs böse. Zustimmung erhielt ich viel, insbesondere während meiner Anwesenheit auf den Buchmessen in Frankfurt und Leipzig und der dort möglichen zahlreichen Gespräche. Gerne gebe ich zu, dass mein Buch nicht frei ist von Polemik. Die eigenen Empfindungen lassen sich bei dieser Thematik nicht so einfach bei Seite drängen. Es gibt natürlich genug Historiker, Politologen, Soziologen u. a. als Autoren, die ein Thema absolut neutral und ausgewogen bearbeiten, das ist wissenschaftlich absolut korrekt und richtig. Ich wollte jedenfalls kein steriles wissenschaftliches Werk verfassen. Sollte das Lesen meines Buches Emotionen wecken, so ist dies durchaus in meinem Sinn.

Peter Rohregger während seiner Lesung auf der Leipziger Buchmesse
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